Das zweite Leben der Kölner Straßenbahnen

Zug aus Trieb- und Steuerwagen - Wiener Stadtzentrum in den 1980er Jahren. (Foto: Reuther)

 

Im November 1988 begann das „zweite Leben“ der legendären Kölner Achtachser. Damals verließ der erste Triebwagen (Tw3756) auf einem Tieflader die KVB-Hauptwerkstatt in Weidenpesch. Über Antwerpen ging es per Schiff ins türkische Mersin und von dort weiter über Passstraßen des Taurusgebirges auf die anatolische Hochebene nach Konya. Weihnachten 1988 kam der Wagen in seiner neuen Heimat an. Da der dortige Betriebshof noch im Bau war, wurden einige Wagen einfach auf einem bereits fertiggestellten Gleisabschnitt mitten in Konya abgestellt – der Bahnbetrieb sollte nach einigen Verzögerungen erst im Jahr 1992 starten. Aber mit dem langen und mühsamen Transport des ersten Kölner Zuges in die Türkei begann eine über Jahrzehnte andauernde Erfolgsgeschichte der in Köln ausgemusterten Duewag-Einheitsstraßenbahnen in Konya.

Kölner Achtachser mit Stadtwappen von Konya. (Foto: KVB-Archiv)

Kölner Achtachser mit Stadtwappen von Konya. (Foto: KVB-Archiv)

Aber nicht nur in der türkischen Zwei-Millionen-Stadt haben Straßenbahnen, die in Köln aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr benötigt wurden, eine zweite Karriere gestartet. Wien, Linz, Sarajevo: Nahverkehrsexperte Axel Reuther und Raimund Jünger, langjähriger Leiter des Bereichs Planung und Entwurf bei der KVB und jetzt für den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in Brüssel tätig, kennen Einsatzorte und Geschichte der Kölner Züge bis in alle Einzelheiten.
 

Mehr als 40 Millionen Fahrgäste in Konya

Noch mal zurück nach Konya, wo sich die Kölner Straßenbahnen unter schwierigen Bedingungen auf beeindruckende Weise bewährt haben. Im ersten vollständigen Betriebsjahr 1993 fuhren bereits zwölf Millionen Menschen mit den Zügen, nach der Erweiterung der Strecke zur Universität waren es 1997 bereits 35 Millionen; über das Jahr 2000 hinaus stieg die Fahrgastzahl auf über 40 Millionen. Insgesamt 61 Achtachser, die in Köln wegen der Umstellung auf den Stadtbahnbetrieb nicht mehr benötigt wurden und die zuletzt auf der Linie 6 zwischen Longerich und Ubierring unterwegs waren, bildeten in Konya über Jahre das Rückgrat des örtlichen Nahverkehrs. 2014 hat die Stadt damit begonnen, sie durch neue Niederflur-Gelenkwagen von Skoda abzulösen.

Achtachser in Sarajevo. (Foto: Walther)

Achtachser in Sarajevo. (Foto: Walther)

Doch Konya war nicht für alle Fahrzeuge Endstation. Rund 20 modernisierte und frisch lackierte Bahnen hat die Stadt auf Anfrage an die bosnische Hauptstadt Sarajevo abgegeben. Anlässlich eines Besuchs des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan 2014 wurde der erste Neueinkauf vorgestellt – in neuer gelb-weißer Lackierung mit der Fahrzeugnummer 901. Die Fachleute der Verkehrsbetriebe Sarajevo (GRAS) gehen davon aus, dass sie die offenbar unverwüstlichen Bahnen noch bis zu zehn Jahren fahren lassen können. Wie viele Bahnen inzwischen in Sarajevo angekommen und im Netz unterwegs sind, darüber gibt es derzeit keine genauen Angaben.
 

KVB-Bahnen in Österreich

Zwei alte Kölner Bahnen sind noch auf der Strecke Lambach - Vorchdorf in Oberösterreich in Einsatz. (Foto: Schuller)

Zwei alte Kölner Bahnen sind noch auf der Strecke Lambach – Vorchdorf in Oberösterreich in Einsatz. (Foto: Schuller)

Die Verbindungen der KVB nach Österreich reichen sogar noch weiter zurück als die in die Türkei. In den 1950er Jahren wurde für die Kölner Vorortbahnen eine Reihe von Fahrzeugen der Deutschen Waggon- und Maschinenfabrik beschafft, die sich bereits in der zweiten Hälfte der 60er Jahre durch die Einbeziehung dieser Strecken in das städtische Liniennetz als ungeeignet erwiesen. Die Kölner suchten nach einem Käufer für die Trieb- und Steuerwagen – und stießen bei der Wiener Lokalbahn auf Interesse. Neun Trieb- und sechs Steuerwagen wurden 1969 auf die Reise in die österreichische Hauptstadt geschickt und kamen dort in blau-cremefarbiger Lackierung zum Einsatz.

(Foto: Schuller)

(Foto: Schuller)

23 Jahre lang trugen die Züge dort die Hauptlast des Verkehrs, bevor sie durch eine neue Fahrzeuggeneration ersetzt wurden. Ganz verschwunden sind sie aber nicht: Zwei der Bahnen (1155 und 1159) sind in ihrer ursprünglichen Lackierung im Museum Thielenbruch zu sehen.

Blick in den Fahrerstand. (Foto: Schuller)

Blick in den Fahrerstand. (Foto: Schuller)

Aber auch wer zur Lokalbahn Lambach-Vorchdorf in Oberösterreich reist, trifft auf alte Bekannte vom Rhein. Und zwar auf Züge, die in den 1950er Jahren von der KVB und der Köln-Frechen- Benzelrather-Eisenbahn bei der Firma Westwaggon („Samba-Wagen“) geordert worden waren: Zweiwagen-Kompositionen aus Trieb- und Steuerwagen. Nachdem alle Vorortbahnen ins städtische Netz integriert waren, gab es für die Züge vor allem wegen ihrer Breite und Ausstattung keine Verwendung mehr. Da griff die von der Betriebsunternehmung Stern & Hafferl betriebene Linzer Lokalbahn zu und kaufte sieben der Züge aus Trieb- und Steuerwagen sowie einen Reservetriebwagen. „Die im Sprachgebrauch nur Kölner Züge genannten Garnituren setzten auf der Linzer Lokalbahn neue Maßstäbe hinsichtlich Komfort und Platzangebot“, so Reuther.

Die Nummer des Zuges auf der Strecke Lambach - Vorchdorf. (Foto: Schuller)

Die Nummer des Zuges auf der Strecke Lambach – Vorchdorf. (Foto: Schuller)

Zwei der Fahrzeuge tun noch immer zuverlässig ihren Dienst. „Sie sind aktuell an Schultagen im morgendlichen Verstärkereinsatz zwischen Lambach und Vorchdorf-Eggenberg unterwegs“, sagt Ulrich Schuller, Leiter Verkehrsplanung Bahn. Beim Ausfall von Fahrzeugen kommen sie an Werktagen (außer samstags) sogar ganztägig zum Einsatz. „Auf der Linzer Lokalbahn läuft überdies noch eine Solo-Garnitur als Baudienstfahrzeug“, sagt Schuller.

Bis 2000 waren die Kölner Züge auf der Linzer Lokalbahn in Einsatz. (Foto: Linzer Lokalbahn)

Bis 2000 waren die Kölner Züge auf der Linzer Lokalbahn in Einsatz. (Foto: Linzer Lokalbahn)

 

Übrigens: Die Zweitverwertung der Kölner Fahrzeuge hat schon eine uralte Tradition: Nach der Aufnahme des elektrischen Betriebs Anfang des 20. Jahrhunderts wurden bereits nicht mehr benötigte Pferdebahnwagen abgegeben – die meisten an Betriebe in den Niederlanden.

 

 

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5 Kommentare

  • Wonach mögen die Empfängerstädte entscheiden, aus welcher Stadt/Wagenbestand sie Fahrzeuge nehmen? Gleisweite, technische Kompatiblitäten, Preis?

    Sehr interessanter Beitrag!

    • Kölner Verkehrs-Betriebe AG

      Hallo Thilo,
      das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Die Verkehrsbetriebe werden vermutlich eine Abwägung vornehmen zwischen den verkehrlichen Bedürfnissen, den technischen Voraussetzungen, der Wirtschaftlichkeit und den Fahrzeugen, die auf dem Markt sind.
      Viele Grüße, Matthias Pesch

  • Autorenbild' 2100er zu 2400er

    Außerdem gibts es die B100S1 (Serie 2000) die zum großteil nach Istanbul abgegeben wurden.
    Und Köln „recycelt“ ja spgar B100S2 (Serie 2100) und die werden dann zur Moderneren Serie 2400.
    Videos Natürlich auf dem Youtube Kanal der KVB. 😉

  • Autorenbild' Andreas

    Unter dieser Überschrift erwartete ich einen Bericht über die Verpuppung eines 21-Hunderter und die Geburt des Schmetterlings 24-Hundert. 😉

    Aber vielleicht kommt dieser Foto-Blog noch…

    Beste Grüße
    Andreas

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