Ob Mailand oder Marsdorf – Hauptsache freundlich bleiben
Busfahrerin Monika Diefenthal (Titelbild) ist ein wenig gespannt auf die Neue. Schon aus einiger Entfernung ist sie gut zu erkennen, denn ein auffälliges Äußeres gehört zu ihren Grundeigenschaften. Auf rot-weißen Barken sind gelbe Blinklichter befestigt, ein Bagger und jede Menge Sand sind in ein Korsett aus Absperrgittern gezwängt worden. So ist das mit Baustellen. „Das wird interessant“, meint Diefenthal, während sie vor einer Baustellenampel warten muss. Sie sitzt am Steuer der Linie 143, ein Gelenkbus, 18 Meter lang und rund 2,50 Meter breit.

Neben der Spur: Auf der Widdersdorfer Straße wird der Verkehr auf dem Gehweg an einer Baustelle vorbeigeführt.
Doch nun wird es eng.
Konzentriert lenkt Diefenthal den Bus zwischen den Barken hindurch, zunächst verschwenkt die Fahrbahn halb auf den Gehweg, schließlich ganz. Der Bus reagiert mit einer beleidigten Schaukelbewegung. „Ich lasse bewusst nur rollen, denn sonst wird es noch unruhiger“, sagt die geübte Fahrerin.
„Ich muss im Straßenverkehr immer zu 100 Prozent konzentriert sein, in Köln sind die Herausforderungen besonders groß“, stellt sie fest. Berufsalltag für das Busfahrpersonal der KVB.
Diefenthal trägt eine schwarze KVB-Jacke, auf dem Rücken prangt das Unternehmenslogo, ihre Haare hat sie mit einem roten Band zusammengebunden. Bevor die den Motor startet, umkreist sie das Fahrzeug mit prüfendem Blick. Blinker, Abblendlicht, alles muss funktionieren. Dann drapiert sie ein Sitzkissen auf dem Fahrersitz, startet den Motor und zieht schwarze Handschuhe an. „Das ist griffiger, so lässt sich das Lenkrad besser packen“, sagt sie und fährt los.
Das Streckennetz der KVB umfasst neben den zwölf Bahnlinien auch 70 Busverbindungen. Etwa 900 Menschen gehören im „Team Herzschlag“ zum Fahrpersonal für die Busse, darunter auch Monika Diefenthal. „Der Job ist vielfältig, das gefällt mir gut“, sagt sie. Später wird sie die Linie 141 übernehmen, am Vortag war sie im Rechtsrheinischen unterwegs. „Wenn ich eine Linie länger nicht gefahren bin, mache ich mich vorher nochmal mit der Strecke vertraut. Das gehört zum Job dazu“, erklärt Diefenthal. Das Handy oder Navigationsgeräte sind für die Fahrerinnen und Fahrer tabu.

Auf der Universitätsstraße läuft der Verkehr längere Zeit einspurig in beide Richtungen unter dem Albertus-Magnus-Platz hindurch.
Denn die Herausforderungen in einer Millionenstadt sind enorm, das Verkehrsaufkommen ist hoch, und die Busse sind mittendrin.
„In Köln gibt es eine hohe Zahl unterschiedlichster Verkehrsteilnehmer. Im Rahmen der Fahrausbildung versuchen wir besondere Situationen zu trainieren und Engstellen zu meistern“, erklärt Jan Wellmann, Leiter der Fahrschulen für Bus und Stadtbahn bei der KVB.
Für Gelenkbusse sind s-förmige Kurven eine Herausforderung, bei besonders engen Kurven ist der hintere Bereich der Busse für Fahrerin oder Fahrer nicht einsehbar.
„Alle Baustellen auf den Linienwegen werden deshalb ständig von unserer Betriebsaufsicht kontrolliert“, erklärt Wellmann. Angeschnallt ist in den Linienbussen niemand, die Tachonadel erreicht deshalb nur selten die 50 Stundenkilometer-Marke. „Vorausschauendes Fahren ist extrem wichtig, denn ich sollte keine Vollbremsung machen müssen“, erklärt die Fahrerin. Außerdem ist das Rückwärtsfahren nicht gestattet – zumindest ohne Unterstützung. Auf dem Wiener Weg in Junkersdorf tastet sich die Busfahrerin vorsichtig einer schwer einsehbaren Kurve entgegen. „Wenn hier ein Bus entgegenkommt, wird es eng“, weiß sie. Dieses Mal kann sie entspannt die Kurve nehmen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der KVB-Busse liegt übrigens bei rund 19 Stundenkilometern.

Zum Netz der KVB gehören 70 Buslinien, vor allem in den Randbezirken haben diese eine wichtige Zubringerfunktion.
Im Reisebus kamen die Insassen mit Musikwünschen und allerlei anderem Gesprächsbedarf zu ihr nach vorne.
Jetzt weist ein Schild darauf hin, bitte während der Fahrt nicht mit dem Fahrpersonal zu sprechen.
Generell ist die Fahrt im Linienbus meist eine recht schweigsame Angelegenheit. „In der Regel werde ich selten angesprochen. Und wenn, dann versuche ich sehr freundlich zu sein, denn das zahlt sich meistens aus“, hat sie festgestellt. An der Haltestelle „Willi-Lauf-Allee“ in Junkersdorf verlässt eine Frau den Bus durch die vordere Tür. „Vielen Dank und gute Fahrt“, verabschiedet sie sich von der Fahrerin. Monika Diefenthal wünscht einen schönen Tag und schließt die Türen. „Das ist selten“, stellt sie fest und lächelt.
Der Schulterblick ist für Monika Diefenthal genauso wichtig, wie der Kontrollgang durch den Bus an den Endhaltestellen. „Oft bleiben Handys oder andere persönliche Gegenstände liegen, ich dokumentiere das und melde es der Leitstelle“, erklärt Diefenthal. Dann ist erstmal Pause. Heute gibt es Chili con carne mit Reis, außerdem hat sie Saft, Tee und Wasser in ihrer Arbeitstasche. „Ich koche meistens vor, damit ich mich während der Arbeit nicht von Fastfood ernähren muss“, sagt sie.
An jeder Endhaltestelle geht es für die Fahrerinnen und Fahrer wieder bei Null los. Zum Armaturenbrett gehört das sogenannte „Ibis“-Gerät, das integriertes Bordinformationssystem. Hier wird die Abweichung vom Fahrplan minutengenau angezeigt. Als sich auf der Horbeller Straße unmittelbar vor der Linie 143 von Monika Diefenthal die Schranken schließen und ein Güterzug vorbeirollt, bleibt die Fahrerin gelassen. „Es bringt ja nichts, sich aufzuregen. So schnell bringt mich ohnehin nichts aus der Ruhe“, sagt sie. Als die Schranke sich wieder öffnet, bescheinigt „Ibis“ plus drei Minuten. So ist das im Stadtverkehr.
Diefenthal kennt die tückischen Stellen auf den Linienwegen. Unmittelbar vor einem Zebrastreifen verschwindet der Gehweg hinter einer Mauer. „Man muss mit allem rechnen. Wenn hier Menschen auf E-Scootern angerast kommen, sehe ich die erst im letzten Moment“, weiß sie und fährt vorsichtig weiter.
Hin und wieder steuert Monika Diefenthal auch E-Busse, den Ladevorgang hat sie sich beibringen lassen.
Gerade erst hat die KVB erneut das Kompetenzsiegel der Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) erhalten. Mit diesem Siegel werden Fahrschulen und Bildungseinrichtungen von Mitgliedsunternehmen des VDV für ihre hohe Qualität in der Aus- und Weiterbildung von Omnibusfahrenden ausgezeichnet.
Für die KVB war es die sechste Rezertifizierung, nachdem diese Auszeichnung 2007 zum ersten Mal vom VDV verliehen wurde.
Für Monika Diefenthal endet der Dienst an diesem Tag ohne besondere Vorkommnisse. Auch mit den neuen Baustellen hat sie sich angefreundet. Sie zieht ihre Handschuhe aus und packt das Sitzkissen ein. Feierabend.
Die wichtigsten Infos zum Busverkehr:
- • → Derzeit startet einmal pro Quartal eine Bus-Fahrschule mit rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
- • → Zum praktischen Teil der Ausbildung gehören rund 75 Fahrstunden, der umfangreiche theoretische Teil wird von der Industrie- und Handelskammer (IHK) geprüft.
- • → Für Menschen ohne Qualifikation als Berufskraftfahrer:in dauert die Ausbildung rund neun Monate.
- • → Bei der KVB gibt es derzeit zwölf Fahrlehrer für den Busbereich, es gibt acht Fahrschulbusse.
- • → Ab Oktober 2026 werden 78 neue Elektro-Busse des Herstellers Irizar ausgeliefert. Dann werden rund zwei Drittel der KVB-eigenen Busflotte elektrisch sein. Zudem gibt es 118 E-Busse des Herstellers VDL. Gemessen an allen im KVB-Netz eingesetzten Bussen, also inklusive der Fahrzeuge von Subunternehmern, ist es dann fast die Hälfte. Zum gesamten Fuhrpark gehören rund 300 Busse.
Fotos: Natalie Bothur, Thorsten Moeck und Christoph Seelbach
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