Alarm für die Fahrleitungsmonteure

Manchmal sind selbst 20 Zentimeter zu wenig. Im Sommer 2025 war die Fahrleitung der Linie 7 im Bereich der Eisenbahnunterführung „Am Schnellert“ in Deutz etwa eine Handlänge höher gehängt worden.

Jahrelang war dieser Ort Unfallschwerpunkt, weil Lastwagenfahrer regelmäßig die Höhen-Warnungen übersehen und für Kabelsalat auf der Siegburger Straße gesorgt hatten. Knapp ein Jahr lang zeigt die Maßnahme die erhoffte Wirkung. Zwischenfälle bleiben aus.
 

Mitarbeiter begutachten die Lage der Leitung auf dem LKW

Mit einem Seil ziehen die Monteure die
Fahrleitung vom Dach des Lastwagens.

Bis zu einem heißen Junitag 2026.
Beim Abbiegen auf die Siegburger Straße fädelt ein Lastwagen mit üppigem Auflieger in die Fahrleitung ein. Wie das Schiffchen eines Webrahmens zieht der Lastwagen die Fahrleitung von der rechten auf die linke Straßenseite hinüber, erst nach etwa 100 Metern bemerkt der Fahrer das Malheur. Wenig später herrscht Stillstand auf der Siegburger Straße. Polizeifahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht stehen quer auf der Fahrbahn, auf dem Gehweg verhindert ein Flatterband das Durchkommen. Vollsperrung. Als der Funkspruch der Leitstelle eingeht, schaltet Oberleitungsmonteur Roland Linka das Blaulicht am orangefarbenen Turmwagen der KVB ein.

Etwa 100 beschädigte Fahrleitungen pro Jahr

Ähnlich wie Schienen und Weichen sind auch Oberleitungen elementarer Bestandteil der Bahn-Infrastruktur. Wie die Fäden eines Spinnennetzes hängen die Leitungen über den Straßen der Stadt. Auf Berührung reagieren sie empfindlich. Allein im Jahr 2025 kam es in 114 Fällen zu Beschädigungen der Fahrleitung – mal durch übergroße Lastwagen, mal durch hergefallene Äste, manchmal auch durch technische Fehler an den Stromabnehmern der Bahnen. „Für uns heißt es jedes Mal, so schnell wie möglich auszurücken und den Schaden zu beheben“, sagt Stefan Kramer, Leiter Fahrleitung.
Hinter der Polizeiabsperrung auf der Siegburger Straße herrscht Anspannung, obwohl die Leitstelle den Strom im beschädigten Abschnitt der Fahrleitung bereits abgeschaltet hat. Der Lastwagen steht einsam auf der Fahrbahn, an der oberen Ecke des Aufliegers hat sich die Fahrleitung verhakt. Blaulicht aus, Routine an. Vorarbeiter Yusuf Cayli und sein Vierer-Team verschaffen sich kurz einen Überblick, dann wird nur noch mit kurzen Kommandos kommuniziert. „Gerade zurück. Schneller! Vorwärts. Weiter. Stopp. Schwenk rüber“, dirigiert einer der Männer den Fahrer des Hubwagens.
Roland Linka hat derweil andere Sorgen. „Weg da“ ruft er Fußgängern zu, die von einem Firmengelände aus in die Sperrzone laufen. „Der Fahrdraht droht zu reißen, weil er noch am Auflieger des Lastwagens hängt und starke Zugkräfte herrschen“, warnt er. Vorsichtig entflechten die Männer den Fahrdraht, dann kann der Fahrer des Unglücks-Lastwagens sein Fahrzeug langsam wegfahren.

Verkehrsschilder geben Hinweise zur Durchfahrtshöhe

Vor der Eisenbahnbrücke auf der
Siegburger Straße warnt ein Schild
vor der niedrigen Durchfahrtshöhe.

Unterführungen sind oft kritische Stellen

Fahrleitungen hängen in der Regel in einer Höhe von 5,50 Meter über den Gleisen, Lastwagen dürfen in Deutschland eine Maximalhöhe von vier Metern haben. Kritisch wird es immer dann, wenn die Fahrleitung der Bahn abgesenkt werden muss, beispielsweise an Unterführungen.

Auf der Siegburger Straße verkündet ein Warnschild ein Verbot für Fahrzeuge, die höher als 3,80 Meter sind.

„Früher gab es in unmittelbarer Nähe einen Schrottplatz. Oft wurde die Fahrleitung von Containerfahrzeugen beschädigt, weil beispielsweise Metallteile aus dem Container ragten“, erinnert sich Stefan Kramer.
An der Unglücksstelle ist derweil Muskelkraft gefragt. Roland Linka packt beherzt die stromlose Oberleitung und zieht sie mit vollem Körpereinsatz wieder auf das stadtauswärts führende Gleis hinüber, also da, wo sie hingehört.
 
Die Oberleitung hängt jetzt auf Schulterhöhe über der Fahrbahn. Dann beginnen die mühsamen Reparaturarbeiten.
Bei den im Stadtgebiet überwiegend verbauten Hochkettenfahrleitungen ist der Fahrdraht mittels Hängerseilen an den etwas höher verlaufenden Tragseilen montiert. Über diese Hängerseile wird der Strom vom Tragseil in den Fahrdraht übertragen. Des Weiteren kann über die Länge der Seile die Fahrleitungshöhe eingestellt werden. Einige der Hängerseile auf der Siegburger Straße sind durch den Unfall gerissen.
Einer der Monteure holt eine Quetschverbinderzange aus dem Fahrzeug, dann werden die gerissenen Kupferstränge an einem Verbindungsstück zusammengepresst. Fertig. Der Turmwagen mit aufliegendem Arbeitskorb rangiert rückwärts zum nächsten Richtseil. So geht das auf einer Länge von mehr als 100 Metern.

Herabhängende OberleitungEin Tragseil der Fahrleitung ist bei dem Unfall gerissen und hängt fast bis auf die Fahrbahn hinab.
Stoßverbinden werden eingesetzt um die Leitung zu reparierenMit einer Stoßverbinderklemme wird der beschädigte Fahrdraht wieder sicher verbunden.
Vorbereitung an der OberleitungEin Doppelseil wird über die Fahrleitung geworfen, um diese wieder in Position ziehen zu können.

Team rückt auch bei Autos im Gleis aus

Die Oberleitung wird per Hand in die richtige Position gezogen

Vorarbeiter Roland Linka zieht die
beschädigte Fahrleitung wieder auf
die richtige Fahrbahnseite hinüber.

Nicht nur bei beschädigten Oberleitungen rückt das Team der Fahrleitungs-Monteure aus. Mitte Juli gerät auf der Subbelrather Straße in Ehrenfeld ein Müllwagen in Brand – unmittelbar neben den Gleisen der Linie 5.
Damit die Feuerwehr mit den Löscharbeiten beginnen kann, müssen die Monteure die Fahrleitung stromlos schalten. Wenn Fahrzeuge im Gleisbett landen, rücken die Monteure ebenfalls aus, da der Einsatz von Abschleppkränen auch nur bei abgeschaltetem Bahnstrom gefahrlos möglich ist.

Der Dienst der Monteure auf der Siegburger Straße bedeutet körperliche Höchstleistung. Die Sonne am wolkenlosen Himmel sorgt dafür, dass schon am Mittag die 30-Grad-Marke erreicht ist.

Verkehrsmeister Jörg Rausch ist ebenfalls an der Unglücksstelle eingetroffen. Nachdem er der Leitstelle das Schadensbild gemeldet hat, besorgt er bei einem nahegelegenen Supermarkt ein Sixpack Wasserflaschen und verteilt sie an die Männer mit den gelben Schutzhelmen, die dankbar zugreifen.

Nach fünf Stunden hängt die Fahrleitung wieder ordentlich über den Gleisen. „Am Ende sorgen wir wieder für die richtige Spannung der Fahrleitung. Je nach Temperatur ziehen sich die Kabel zusammen oder dehnen sich aus, diese Bewegungen werden durch Gewichte reguliert“, erklärt Vorarbeiter Roland Linka.

Monteur  holt Werkzeug vom Fahrzeug

Ein Monteur holt das benötigte Werkzeug
aus dem Einsatzfahrzeug.

Bevor die Strecke freigegeben wird, erfolgen sogenannte Bügelfahrten.

„In jede Richtung fährt eine Bahn durch, um festzustellen, ob alles stabil ist und keine Probleme bei der Stromversorgung auftreten“, erklärt Linka. Die Bahnen können den reparierten Bereich problemlos passieren. Kurz darauf gibt die Leitstelle die Strecke wieder frei.

Für die Monteure der KVB endet eine schweißtreibende Schicht. Das Thermometer zeigt noch immer mehr als 30 Grad an. Die Wasserflaschen haben die Männer längst geleert. Und die Stadtbahnen auf der Siegburger Straße rollen wieder.
 
 
Die wichtigsten Infos im Überblick:

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