Manchmal reicht der Bremsweg einfach nicht aus

Kreuz an einer Unfallestelle

Diese Erkenntnis, wenn du weißt, dass du nicht mehr bremsen kannst und gleich einen Menschen überfährst. Und du einfach nichts mehr tun kannst, weil du die Bahn nicht rechtzeitig zum Stehen bekommst.

Diese Bilder, die dich nun jede Nacht verfolgen werden.

Es ist ein Albtraum, der leider viel zu oft Realität wird. Hier in Köln – für unsere Fahrerinnen und Fahrer.

 

 

Screenshot einer Leitstellenmeldung

Screenshot der Leitstellenmeldung

Nicht schon wieder, denke ich, als die Meldung der Leitstelle im Outlook aufpoppt: „Linien 3 und 4, eigener Verkehrsunfall mit Radfahrer, Kölnmesse Richtung Stegerwaldsiedlung  –  Störungsbeginn“. Wie oft bedeuten diese wenigen Worte ein weiteres tragisches Schicksal. Nicht nur für die Angehörigen des Opfers sondern auch für unsere Fahrer. Wie gehen sie mit diesem Schuldgefühl um?
Sie wurden unschuldig zum Täter. Sie haben einen Menschen getötet.

Es ist ein Albtraum, den niemand erleben möchte. Und doch muss jeder KVB-Fahrer mit einem schweren Unfall rechnen – in jeder Sekunde, die er die tonnenschwere Stadtbahn durch Köln steuert. Allein im letzten Jahr waren 72 Fahrer betroffen.

 

Zwei Stadtbahnfahrer berichten

Gefühlt passieren hier in Köln jede Woche schwere Unfälle mit der KVB. Zum Glück geht es nicht immer so schlimm aus wie bei diesen drei Unfällen, als innerhalb von 45 Tagen drei Menschen beim Zusammenstoß mit unseren Bahnen ihr Leben verloren. Meist sind es „nur“ größere oder kleinere Verletzungen oder im besten Fall nur Blechschäden. Aber es gibt eben auch diese ganz schlimmen Unfälle, bei denen ein Mensch stirbt. Wie steht ein Fahrer diesen Albtraum durch? Wie und wo bekommen diese Fahrer Hilfe? Und wie ist es möglich, dass man danach wieder eine Stadtbahn fahren kann?
Ich treffe mich mit zwei KVB-Fahrern, die mit ihrer Stadtbahn drei Menschen tödlich und einen schwer verletzt haben. Beide erzählen, was sie erlebt haben und wie die Unfälle ihr Leben veränderten.

Bei den Interviews muss ich wirklich schlucken. Ich finde es bewundernswert, dass die beiden bei dem was sie durchgemacht haben wieder eine Stadtbahn fahren können. Und es ist gut zu hören, dass sich die KVB intensiv um ihre Fahrer kümmert, wenn diese einen schweren Unfall hatten.

Um zu erfahren, wie genau das abläuft, frage ich meine Kollegin aus der Sozialberatung, die Diplom-Psychologin Ursula Reimering.

Die Autorin im Gespräch mit Frau Reimering

Die Autorin im Gespräch mit Frau Reimering



Was passiert direkt nach einem Unfall?

Frau Reimering hat in den 90er Jahren ein Konzept erarbeitet, wie Fahrern nach schweren Unfällen geholfen werden kann. Dieses sogenannte „Kölner Modell“ ist sehr erfolgreich, denn die Mehrzahl der Fahrer setzt sich nach einem schweren Unfall tatsächlich wieder hinter das Steuer einer Bahn.

Der Ablauf ist immer gleich: Kommt es zu einem schlimmen Unfall, sind neben den Rettungsdiensten und der Polizei als erstes die Verkehrsmeister im Außendienst vor Ort und kümmern sich um das ganze Unfallgeschehen. Manchmal hat bereits auch der Fahrer der Bahn auf der Gegenseite gestoppt und eilt zu Hilfe.

Vor Ort an einer Unfallstelle

Vor Ort an einer Unfallstelle, © Foto: E. Brix

Der Verkehrsmeister koordiniert den Kontakt mit der Leitstelle, der Polizei, der Feuerwehr und dem Rettungsdienst, kümmert sich um die Fahrgäste und – ganz wichtig – er fordert sofort einen zweiten Verkehrsmeister oder einen anderen KVB-Betreuer an, der neben dem Notarzt die psychologische Erstbetreuung des Fahrers übernimmt und nur für ihn da ist.

Es ist wichtig, dass der betroffene Fahrer dann schnell von der Unfallstelle weggebracht wird. Für die Erstversorgung bringt der Verkehrsmeister bzw. Betreuer den Fahrer zum Betriebsarzt (wenn der Unfall an einem Wochentag tagsüber passiert ist) oder in die Traumaambulanz nach Merheim. Er ruft vorab kurz an und kündigt an, dass er gleich mit einem Fahrer vorbei kommen wird. So werden längere Wartezeiten vermieden und der Kollege kann direkt mit einem Arzt bzw. Psychologen sprechen.

Betriebsarzt

Betriebsarzt

Je nach Schwere des Schocks und Zustand des Fahrers stellt der Betriebsarzt dann die Krankschreibung aus, kümmert sich um alle Formalitäten mit der Berufsgenossenschaft und vereinbart einen ersten Termin beim IPU, dem Institut für Psychologische Unfallnachsorge. In der Regel erhält der Fahrer dort direkt für den nächsten Tag einen Termin mit einem Therapeuten für eine psychotraumatologische Beratung und kann dann bei Bedarf direkt eine ambulante Therapie beginnen. Eine stationäre Therapie ist glücklicherweise nur sehr selten notwendig. Alternativ können die Fahrer auch direkt bei der Sozialberaterin Ursula Reimering einen Termin vereinbaren.

Danach bringt der Betreuer den Fahrer nach Hause – oder wie Frau Reimering es in ihrem Konzept genannt hat – an einen emotional sicheren Ort. Denn manchmal möchte der Fahrer lieber zu einem Verwandten oder Freund gebracht werden.

Was noch nicht erwähnt wurde… natürlich spielt auch die Polizei eine wichtige Rolle bei einem Unfall. Der Fahrer muss zeitnah den Unfallbericht ausfüllen, in Ausnahmefällen wird er manchmal auch vor Ort befragt. Gemäß Strafgesetzbuch muss eine fahrlässige Körperverletzung angezeigt werden. Da sich Strafverfahren immer gegen Personen richten und zunächst einmal die Fahrer für die Bewegung der Fahrzeuge verantwortlich sind, wird die entsprechende Strafanzeige in der Regel gegen die Fahrerin bzw. den Fahrer gestellt. Manchmal erfahren die Fahrer erst davon, wenn das Verfahren bereits eingestellt ist, manchmal aber auch früher, was dann eine zusätzliche psychische Belastung bedeutet, mit der sie umgehen müssen.

 

Was passiert während der Therapie?

Der Fahrer wird in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten nach dem Unfall zusammen mit seinem Therapeuten versuchen, einen Weg zu finden, mit dem Unfall und seinen Schuldgefühlen umzugehen. Sobald der Unfallfahrer realisiert hat „Ich habe jemanden umgebracht!“, tritt oft eine tiefe Verzweiflung auf und tausende Fragen beginnen ihn zu quälen: „Was hätte ich anders machen können? Was wäre, wenn ich die Tür nicht nochmal für den heraneilenden Fahrgast aufgemacht hätte und eine Minute früher am Unfallort vorbei gefahren wäre? Warum habe ich das nicht verhindern können? Hätte ich doch bloß meinen freien Tag genossen und wäre nicht für den kranken Kollegen eingesprungen…“.

Fahrerin Mareike im Interview / Screenshot www.ksta.de

Fahrerin Mareike im Interview / Screenshot www.ksta.de

Die Aufgabe des Therapeuten ist es, zusammen mit dem Fahrer Antworten zu finden und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie er mit dem Geschehen umgehen kann. Der Unfall wird immer Teil seines Lebens bleiben, aber das Ziel der Therapie ist es, dass der Unfall nicht das weitere Leben bestimmt. Außerdem ist es wichtig, dass die Fahrer lernen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie noch einmal in eine brenzlige Situation geraten. Unsere Fahrerin Mareike Wollersheim hat das vor kurzem in der Pressekonferenz zu unserer Sicherheitskampagne „Mit Sicherheit mobil“ sehr anschaulich geschildert: „Eine Inline-Skaterin näherte sich mit Stöpseln im Ohr dem Bahnübergang. Ich klingelte und leitete eine Vollbremsung ein. Dann sah ich förmlich vor meinem geistigen Auge, wie ich die Inline-Skaterin in wenigen Sekunden mit meinem 70 Tonnen schweren Zug überrolle. Ich schrie, so laut ich konnte, um das Geräusch der brechenden Knochen nicht zu hören. Genau so habe ich es in einer früheren Therapie gelernt für den Fall, dass ich noch einmal in eine solche Situation gerate“. Zum Glück ging es hier noch einmal glimpflich aus.

Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist oft das Aufsuchen des Unfallortes. Meist realisiert der betroffene Fahrer erst vor Ort, wie der Unfall abgelaufen ist. Konnte er bspw. das Unfallopfer gar nicht sehen, weil  es durch ein Gebüsch verdeckt war? „Der Fahrer vergleicht die Bilder, die ihn tagsüber und im Traum verfolgen, mit dem, was er jetzt sieht“, schildert eine Diplom-Psychologin vom Institut für Unfallnachsorge. Oft hilft diese Vor-Ort-Begehung bei der Bewältigung des Traumas.

Wenn der Fahrer sich wieder in der Lage fühlt, eine Bahn zu fahren, wird er zuerst zusammen mit der Fahrschule und dem Therapeuten eine Fahrt machen. Oft wird dann auch – auf Wunsch des Fahrers – die Unfallstelle ein- oder mehrmals überfahren. Wenn diese Fahrt gut klappt, fährt er danach noch bis zu drei Tage mit einem Lehrfahrer und wird dann in der Regel über das Hamburger Modell langsam wieder in den Berufsalltag eingegliedert.

Leider gibt es aber auch vereinzelt immer wieder Fälle, wo die betroffenen Fahrer nicht mehr als Fahrer arbeiten können. Dann wird versucht, eine andere Stelle für sie im Unternehmen zu finden.

Wie viele Fahrer sind betroffen?

2016 waren 72 Fahrer nach schweren Unfällen beim Betriebsarzt, 41 danach beim Institut für Psychologische Unfallnachsorge (IPU) zur Therapie. Einige Fahrer entschieden sich auch für eine Unterstützung durch unsere Sozialberatung Frau Reimering.
Zwei dieser 72 Fahrer sind dauerhaft fahruntauglich, 35 konnten eine längere Zeit nicht arbeiten.

Neun Menschen wurden im Vorjahr bei Unfällen mit KVB-Bahnen getötet, davon sechs im Kölner Stadtgebiet, 22 wurden schwer verletzt, weitere 139 leicht. Im Busbereich gibt es glücklicherweise nur sehr selten Unfälle mit Todesfolge bzw. Schwerverletzten.

Warum?

Die meisten Unfälle sind so sinnlos. Meist ging es nur darum, doch noch fix die Bahn zu erwischen, damit man nicht ein paar Minuten warten muss. Täglich müssen unsere Fahrer mehrmals eine Notbremsung einleiten, weil Fußgänger oder Radfahrer bei Rot gehen, unter Schranken durchkriechen oder abgelenkt sind oder weil Autofahrer plötzlich vor der Bahn einscheren, die rote Ampel missachten oder falsch abbiegen. Es gibt keine Statistik darüber, wie viele Unfälle unsere Fahrer durch ihr stets konzentriertes und aufmerksames Fahren bisher vermieden haben, aber sicherlich haben sie schon einigen Tausend Menschen das Leben gerettet.

Die KVB versucht ihre Fahrer bereits im Vorfeld so gut es geht auf den Worst Case vorzubereiten: Ursula Reimering besucht alle Fahrschüler und erklärt ihnen das Kölner Modell. Außerdem erhalten alle Fahrer ein Kärtchen „Unfall – was nun?“ mit wichtigen Verhaltensregeln und Ansprechpartnern. Trotzdem: Auf diese Situation, dass ein anderer Mensch stirbt, darauf kann man sich nicht vorbereiten.

Darum auch an dieser Stelle noch einmal unser Appell:

Kein Termin ist so wichtig, dass ihr dafür euer Leben riskiert!
Lauft nicht bei Rot über die Ampel, um noch die Bahn zu erwischen!
Wenn die Schranken unten sind, wartet bitte, bis sie wieder oben sind!
Wenn ihr im Straßenverkehr unterwegs seid, passt auf und lasst euch nicht durch das Handy oder Musik auf den Ohren ablenken!

 

 

Hinweis: Für eine bessere Lesbarkeit wurde hauptsächlich die männliche Form „der Fahrer“ im Text verwendet.

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4 Kommentare

  • Bernd Franzen

    Danke für den Bericht. Und auch danke für die gute Lesbarkeit durch Verzicht auf unnötige Geschlechter-Formalitäten.

  • M.-Christine Tsouflidis-Cuypers

    Vielleicht könnte man die Sicherheit erhöhen, indem man an de Strassenbahnhaltestellen Durchsagen macht, statt auf der Anzeigetafel ein
    Band laufen zu lassen. Die Wenigsten lesen diese Mitteilungen. Ich ärgere mich
    jeden Tag über Menschen, die bei Rot über sie Schienen laufen (meistens dann noch mit Kopfhörer oder Handy in der Hand). Rücksicht ist ein Fremdwort geworden in unsere Gesellschaft. Vielleicht wäre es auch möglich an de Ampeln ein akkustisches Signal zu installieren, zusätzlich zur roten Ampel.
    Die Strassenbahnfahrer/innen tun mir sehr sehr leid, wenn Sie ein Mensch überfahren haben. Nur daran denkt niemand-

  • Christopher Preiß

    Sehr bewegender Text. Finde es klasse , wie sehr ihr euch um Eure Fahrerinnen und Fahrer kümmert. Sehr Lobenswert!
    Allzeit Gute Fahrt.

  • Uwe

    Die Betreuung der Fahrer ist vorbildlich, ein dickes Lob dafür.
    Die gelben Leuchten, gepaart mit akustischen Signalen, wie in einer anderen Stadt in der Nähe… helfen aber auch nur bedingt, wenn es keine Passierschranke gibt. Dann nämlich, wenn die Gegenbahn hinter der die Haltestelle verlassenden Bahn noch einfährt, und die Passanten schon losgehen. Oder wenn noch schräg gegenüber der Gleise ein Betriebshof steht und die Gegenbahn aus einer dritten Richtung kommt, mit der man nicht rechnet.

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