Kraftakt für die Fußballfans

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Es ist ein Hochrisikospiel. Das Team von Borussia Mönchengladbach kommt zum Bundesliga-Derby mit dem 1. FC Köln ins Rheinenergie-Stadion. Und das heißt: Großeinsatz nicht nur für die KVB, sondern auch für die Polizei. Die will mit einem Großaufgebot dafür sorgen, dass rund um die Partie, die erfahrungsgemäß einiges an Konfliktpotenzial zwischen den Fanblocks birgt, alles friedlich bleibt.

Ich bin an diesem Samstag mit den Kollegen unterwegs, die den Stadionverkehr organisieren und steuern. Das ist bei jedem FC-Heimspiel trotz aller Routine immer wieder eine logistische Herausforderung – erst recht aber beim Spiel gegen den Dauerrivalen vom Niederrhein.

13 Uhr, Bahnhof Ehrenfeld. Hunderte Polizisten stehen bereit, um die Gladbach-Fans, die mit einem Sonderzug ankommen sollen, in Empfang zu nehmen. Oberverkehrsmeister Peter, der für die KVB dort die Einsatzleitung  hat, steht in ständigem Kontakt mit Bundes- und Landespolizei. Die Ankunftszeit verschiebt sich mehrfach, die Zahl der erwarteten Fans steigt ständig – mehr als 1.200 werden es am Ende sein, die von Ehrenfeld nach Müngersdorf wollen. „Schickt bitte die ersten beiden Doppelzüge raus“, gibt Peter per Funk an Verkehrsmeister Bruno in der Leitstelle auf dem Betriebshof West weiter. Die Bahnen treffen wenig später in Ehrenfeld ein. Die Polizei sperrt den Gürtel ab, der erste Schwung Fans steigt ein.

Ein Großaufgebot der Polizei wartet am Bahnhof Ehrenfeld auf die Fans aus Mönchengladbach.

Ein Großaufgebot der Polizei wartet am Bahnhof Ehrenfeld auf die Fans aus Mönchengladbach.

Polizisten sind in der Bahn, Polizeiwagen mit Blaulicht und je ein KVB-Mitarbeiter der Aufsicht begleiten die Züge, die ohne Halt Richtung Stadion  rollen. Der Betrieb auf der Linie 13 muss kurzfristig gestoppt werden, Oberverkehrsmeister Peter hat die Buslinien 141, 142 und 143 durch die Leitstelle kurzfristig umleiten lassen. Service-Mitarbeiter stehen an den Haltestellen, um die Fahrgäste zu informieren. Betriebsleiter-Assistent Udo und Detlef, Bereichsleiter Fahrgastsicherheit und -service, fahren  ebenfalls neben den Bahnen her. Udo steht im permanenten Funkkontakt mit Fahrern, Leitstelle, Servicepersonal, um ein möglichst reibungsloses Durchkommen zu ermöglichen – denn auf der Aachener Straße fahren zu dieser Zeit ja nicht nur die regulären Bahnen der Linie 1, sondern auch die anderen Sonderzüge für die Kölner Fans. Da wird es richtig eng. „Sind gerade am Aachener Stern“, „Lasst noch eben einen regulären Zug durch“, „Der zweite Tross ist am alten Militärring durch“ – permanent informieren sich die Kollegen über die aktuelle Betriebssituation.  Fünf Sonderzüge sind am Ende nötig, um die Gladbacher nach Müngersdorf zu bringen.

Oberverkehrsmeister Peter hat die Einsatzleitung am Bahnhof Ehrenfeld.

Oberverkehrsmeister Peter hat die Einsatzleitung am Bahnhof Ehrenfeld.Y

Wenn das Stadion mit 50.000 Zuschauern ausverkauft ist, reisen schätzungsweise rund 16.000 Fans mit der Bahn an und ab. Dafür stellt die KVB neben dem regulären Betrieb auf der Linie 1 alle zwei Wochen in der Regel 32 Sonderzüge zur Verfügung. Allein an diesem Samstag sind mehr als 120 KVB-Mitarbeiter im Einsatz, vom Fahrer über die Servicekraft bis zum Oberverkehrsmeister – das ist jedes Mal ein richtiger Kraftakt, der möglichst detaillierter Planung bedarf, aber auch immer ein hohes Maß an Flexibilität und spontaner Entschlusskraft erfordert.

Die Vorbereitung beginnt lange vor dem Anpfiff. Die von der Betriebssteuerung angeforderten Hoch- und Niederflurfahrzeuge werden von der Zentralen Fahrzeugdisposition von den jeweiligen Betriebshöfen (Merheim, Braunsfeld und Wesseling) oder Abstellanlagen (Stadion, Merkenich und Zündorf) in Absprache für die Personalsteuerung bereitgestellt. Mario, Leiter Personalsteuerung, ist dabei einer der maßgeblichen Planer. Auf seinem Bildschirm hat er einen detaillierten Einsatzplan. Da ist genau aufgeführt, wie viele Fahrzeuge benötigt werden,  wann welches Fahrzeug am Spieltag wo zu stehen hat – auf dem Betriebshof West, am Stadion, am Neumarkt – , wann es ausfährt, auf welcher Strecke es eingeplant ist, wohin es am Ende zurückkehrt.  Die Namen der Fahrerinnen und Fahrer werden eingetragen, dazu weitere wichtige Einsatzinformationen. „Das ist ja eine Herausforderung, die on top zum Tagesgeschäft kommt“, sagt Mario. Das heißt: Die Fahrzeuge müssen bereitgestellt, Fahrerinnen und Fahrer für den Sondereinsatz gefunden werden. Insgesamt sind die Samstagsspiele entspannter, „Spiele in der Woche sind da für uns viel schwieriger zu organisieren.“

Die Einsatzleiter am Stadion haben auf ihren Bildschirmen Haltestellen, Weichenlage und Fahrplan im Blick.

Die Einsatzleiter am Stadion haben auf ihren Bildschirmen Haltestellen, Weichenlage und Fahrplan im Blick.

Eine Kuriosität: Fahrplantechnisch werden die Sonderzüge als „Linie 2“ geführt – eine Linie, die es ja ansonsten gar nicht gibt. Und dann sollten noch die drei „heiligen Kühe“ erwähnt werden: Drei Bahnen, die auf dem Betriebshof West stehen und sich jeweils hinter eine Linie 13 aus Richtung Ehrenfeld „klemmen“. Deren Fahrgäste können dann an der Haltestelle „Aachener Straße/Gürtel“ direkt in die dahinter fahrende Sonderbahn umsteigen, die sie zum Stadion bringt – und müssen nicht auf eine der schon proppenvollen Züge auf der Ost-West-Strecke wechseln.

Auch die Rekrutierung der Fahrer ist kein Selbstläufer. Dienstpläne müssen koordiniert, Urlaubszeiten eingeplant, Krankmeldungen berücksichtigt werden. „Es ist schwierig, aber wir kriegen es immer irgendwie hin“ sagt Mario. Immerhin: Es gibt nicht wenige Fahrerinnen und Fahrer, die sich immer wieder gerne freiwillig zum Stadionverkehr melden!

Ein Großteil der Bahnen steht während des Spiels in der Abstellanlage am Stadion.

Ein Großteil der Bahnen steht während des Spiels in der Abstellanlage am Stadion.

Inzwischen ist es 15 Uhr, noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff. Bahn für Bahn fährt in die Abstellanlage am Stadion ein. Dort ist Platz für rund 15 Züge. Die anderen stehen während des Spiels etwa auf dem Betriebshof West oder auch in Weiden und Junkersdorf. Hoch oben im Leitstand am Stadion koordinieren Sven, Leiter Betriebsmanagement, und Christian, Leiter Betriebstechnik, das Geschehen. Alles läuft reibungslos an diesem Nachmittag, die anfänglichen Sorgen waren überflüssig.

Die nächsten knapp eineinhalb Stunden sind für alle einigermaßen entspannt. Zeit für einen Kaffee und ein Würstchen. Die FC-Fans unter den Fahrern gucken sich im Aufenthaltsraum das Spiel an – das am Ende leider 2:3 verloren geht. Diese Zeit nutzen auch die Kollegen der zu den Spielen eingesetzten Entstörfahrzeuge, um kleinere technische Blessuren an den Bahnen zu beseitigen und damit deren Einsatz für die Rückfahrt sicherzustellen. Den Schlusspfiff bekommen die Kolleginnen und Kollegen aber schon nicht mehr mit. Zu diesem Zeitpunkt sitzen sie schon wieder in ihren Fahrzeugen.

Betriebsleiter-Assistent Udo dirigiert nach dem Abpfiff die Bahnen wieder auf die Strecke.

Betriebsleiter-Assistent Udo dirigiert nach dem Abpfiff die Bahnen wieder auf die Strecke.

Betriebsleiter-Assistent Udo dirigiert die Bahnen auf die Strecke, spricht mit den Einsatzleitern ab, wo sie hinfahren sollen: zum Hauptbahnhof, nach Thielenbruch, Deutz, Brück, Refrath und Poll etc. Im Drei-Minuten-Takt rollen die Züge an die Bahnsteige, die Massen strömen aus dem Stadion. Alles eingespielte Routine. Nach eineinhalb Stunden sind die Bahnsteige leer. So schnell klappt das nicht immer. Offensichtlich haben sich  bei dem schönen Wetter viele Fans noch zu Fuß auf den Weg in die nächste Kneipe gemacht. „Das ist super gelaufen“, freuen sich Sven und Christian. Auch die Schadensbilanz hält sich in Grenzen: Zwei Scheiben sind an diesem Nachmittag zu Bruch gegangen – da haben die Kollegen schon Schlimmeres erlebt.

Der KVB-Leitstand am Stadion.

Der KVB-Leitstand am Stadion.

Aber auch beim Stadionverkehr gilt die alte Weisheit des ehemaligen Bundestrainers Sepp Herberger: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Die Vorbereitungen für das nächste Heimspiel gegen Hoffenheim sind längst angelaufen.

Fotos:
Kölner Verkehrs-Betriebe AG
Matthias Pesch

 

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2 Kommentare

  • Autorenbild' Markus Klar

    Es wäre übrigens auch mal ganz schön, wenn die KVB darüber nachdenkt, die Einsatzzüge zum Stadion durchzufahren für die regulären FC Fans.
    Unter der Premise, wenn der Zug voll ist, dann geht es non stop zum Stadion. Spart das nervige Gewusel mit den Türen an jeder Station.

    Kann man ja klar kommunizieren vorher, wenn der Zug voll ist ist er voll und es geht zum Ziel.
    Zusätzlich kann der Fahrer ja sagen, das ab der nächsten Station es non Stop geht.

    Auch auf der Rückfahrt kann man ggf. über so ein Konzept nachdenken: Nicht jeder Zug hält überall, manche als Express nur an der Aachener, Rudolfplatz und Neumarkt zum Umsteigen….

    Würde die An und Abreise deutlich beschleunigen ….

    Höre das von anderen, denke dies auch selbst und dazu sehe ich auch in anderen Städten wie es so besser läuft.

    • Kölner Verkehrs-Betriebe AG

      Hallo Markus Klar,
      im Gegensatz zum Busbetrieb, haben wir im Stadtbahnbetrieb Zwangshaltestellen, eine Durchfahrt ist somit nicht erlaubt. Aber selbst wenn wir das in Betracht ziehen würden, gibt es die Streckenführung nicht her. Wir haben zwar eine Vorrangschaltung auf der Aachener Str., die ist aber so geschaltet, dass ein Fahrgastwechsel berücksichtigt wird.

      Das heißt, die Bahnen kommen so oder so zum Stehen und leider ist es dann oft so, dass die Türen gewaltsam geöffnet werden. Dies bedeutet dann wieder, der Fahrer muss die gewaltsam geöffnete Tür finden und den Notriegel zurücksetzen, zeitlicher Gewinn = 0 … im Gegenteil.
      Auch die Strecke lässt ein schnelleres Fahren gar nicht zu, da die Linie reguläre 1 einen Fahrgaswechsel durchführen muss und die Sonderbahnen somit auflaufen würden.
      Sie sehen, dass die Strecke keine Optionen zulässt.

      Viele Grüße,
      Carola Sodermanns

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