Verantwortung für sich und andere übernehmen, Unfälle vermeiden

Vier Tote in fünfeinhalb Monaten. Dazu zwei Suizide und ein junger Mann, der im Streckenbereich der Stadtwerke Bonn (SWB) in Brühl ums Leben kam. Von den vier tödlich verunglückten Männern fielen drei in den Gleisbereich. Zwei waren stark alkoholisiert, einer kam an Karneval im Gedränge auf dem Bahnsteig zu Fall. Der vierte Mann – gerade einmal 25 Jahre alt – kam zu Tode, weil er zu seinen Freunden auf die andere Straßenseite gelangen und über die Kupplung einer anfahrenden Stadtbahn springen wollte. Er konnte sich nicht halten und fiel.


Jeder dieser Unfälle ist eine schreckliche Tragödie. Keiner davon hätte sein müssen. Zwei der Männer waren noch keine 30 Jahre alt, einer gerade knapp darüber. Alle hinterlassen Angehörige und Freunde – fassungslos angesichts des Verlustes, der auf einem einzigen Moment der Unachtsamkeit, des spontanen Leichtsinns, einer verhängnisvollen Fehleinschätzung basiert. Kaum zu verkraften. Auch für die Fahrer nicht, die diese Erlebnisse ein Leben lang nicht mehr loswerden, sich Vorwürfe machen und sich mit den immer gleichen Fragen martern: „Hätte ich diesen Unfall verhindern können? Was wäre gewesen, wenn…“.

Fragen, die niemand beantworten kann und die sich dennoch nicht aus dem Kopf vertreiben lassen. Für manchen Fahrer bedeuten sie den Verlust des Berufes. Trotz psychologischer Betreuung sind sie nicht mehr fahrfähig. Und selbst, wenn sie nach einer Zeit wieder fahren können – so ein traumatisierendes Ereignis vergisst niemand mehr.
Doch das soll nicht das Hauptthema dieses Blog-Beitrags sein. Das Leid von Angehörigen und Fahrern soll nicht verglichen werden, es geht nicht um Täter und Opfer. Es geht um Unfälle und darum, wie man sie verhindern kann.

 

Was kann die KVB tun?

Faltenbalg

Faltenbalg als Kupplungssicherung

Was kann die KVB tun, damit es nicht mehr zu so schrecklichen Ereignissen kommt? Vor allem die Presse fragt das, fordert Antworten darauf, ob Faltenbälge zwischen den aneinander gekoppelten Wagen die Unfallgefahr reduzieren können, oder aber Kameras im rückwärtigen, sonst nicht einsehbaren Bereich, wie es sie doch inzwischen in allen modernen Fahrzeugen gibt.
Nein. So furchtbar diese Wahrheit ist: Es gibt keinen allumfassenden Schutz gegen Unfälle. Die Frage lautet daher: Was können wir dennoch tun, um die Sicherheit für alle zu erhöhen? Gibt es noch irgendetwas, das wir verbessern können? Wie?

Kupplungseinlenkung bei der 4500er Serie

Faltenbälge funktionieren im Kölner Streckennetz nicht. Das hat die KVB geprüft. Grund sind die engen Radien, die es bei uns im Netz gibt. Die Faltenbälge müssten extrem elastisch sein. Diese erforderliche Elastizität böte keinen Schutz davor, dass jemand in den Zwischenraum zwischen den Wagen fällt. Stattdessen würden sie verhindern, dass ein Mensch, der dort hineingefallen ist, sich selbst retten kann oder aber die Bergung eines verunglückten Menschen gegebenenfalls erschweren. Die Montage des Faltenbalgs beim An- und Entkoppeln der Wagen stellt zudem ein Risiko für die Fahrer dar, die hierzu bei laufendem Verkehr im Gleisbereich arbeiten müssten.

Kameras in Bereichen, die die Fahrer sonst nicht einsehen können? Wäre das eine Lösung? Nicht wirklich. Oder zumindest nicht hundertprozentig: Im allerletzten Moment, in dem der Fahrer den Sollwertgeber, das „Gaspedal“ der Straßenbahnen, betätigt und losfährt, muss er nach vorne sehen. Vielleicht ist im letzten Moment jemand vor die Stadtbahn gelaufen. Lehnt sich jetzt jemand an die Bahn, wird jetzt jemand geschubst, fällt oder springt auf die Kupplung, gibt es keine Chance mehr. Für keinen der Beteiligten – nicht für den, der möglicherweise fällt und nicht für den Fahrer.

 

Vorbauten an den Kupplungen

Ein Grund, trotzdem nach weiterer Optimierung zu suchen. Auch wenn jedem klar sein sollte, dass man über Kupplungen von Stadtbahnen nicht steigen darf, weil es schlichtweg gefährlich ist, wurde 2005 von der KVB eine simple und extrem effektive Maßnahme umgesetzt: Der Zwischenraum zwischen den Stadtbahnwagen im Bereich der Kupplung wurde faktisch und optisch verengt. Es wurden vorn und hinten an den Wagen im Übersteigungsbereich Vorbauten angebracht – die KVB-Mitarbeiter sagen „Blumenkästen“ dazu, weil sie eben so ähnlich aussehen. Bei manchen Modellen wurden „vorstehende Schürzen“ angebracht, die ebenfalls den Zwischenraum verengen. „Das war sehr erfolgreich“, sagt Thomas Miebach, Betriebsleiter der KVB. „Die Zahl der Fälle, in denen Menschen versucht haben, Kupplungen zu übersteigen, ist in den vergangenen Jahren auf Null zurückgegangen. Der junge Mann am Zülpicher Platz, der vergangene Woche zu Tode kam, war der erste Fall dieser Art seit 13 Jahren.“
Eine einfache und wirksame Maßnahme, die auf Überlegungen von Mitarbeitern beruht, die sich immer wieder fragen: Was können wir optimieren – selbst dann, wenn man Fehlverhalten Einzelner nicht einschätzen und voraussehen kann? Welche Ideen können wir dennoch entwickeln?

„Wir nehmen solche Unfälle nicht auf die leichte Schulter“, sagt Jürgen Fenske, Vorstandsvorsitzender der KVB. Bei einer Pressekonferenz nach dem Wochenende, bei dem in einer einzigen Nacht innerhalb von wenigen Stunden zwei Männer durch Unfälle mit Straßenbahnen ihr Leben verloren. Nein, wahrhaftig nicht. „Die Unfälle vom Wochenende hätten auch durch Kameras oder andere Maßnahmen nicht verhindert werden können“, sind sich Fenske und Miebach einig. „Trotzdem werden wir eine aktuelle Ausschreibung zum Einsatz von Videoüberwachung und Kameras so verändern, dass in absehbarer Zeit alle Fahrzeuge aus dem Bestand mit Front- und Heckkameras ausgerüstet werden können.“ Außerdem sind alle Hersteller aufgefordert, Lösungen anzubieten, wie bei Neuanschaffungen die Kupplungsbereiche künftig noch besser gesichert werden können.
Ob es nützt? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

 

Sicherheitskampagne

2017 hat unser Unternehmen eine Sicherheitskampagne durchgeführt. Zentraler Bestandteil waren zwei Filme:

Einer zeigt eine Frau, die einen Kinderwagen schiebt, telefoniert, gleichzeitig bei Rot über die Ampel geht. Eine Stadtbahn naht, kann nicht mehr stoppen. Mit 120 Tonnen Eigengewicht prallt sie auf den Kinderwagen. Lange haben die Verantwortlichen bei der KVB überlegt, ob dieses Video wirklich veröffentlicht werden kann. Ob es nicht als zu krass und überzogen empfunden wird. „Nein!“, sagen unsere Bahn- und Busfahrer. „Das ist eine reale Situation; genau solche Situationen erleben wir jeden Tag.“

Niemand will hier irgendwem den schwarzen Peter zuschieben. Wir wollen nur diese Unfälle nicht. Für niemanden. Auch ich will sie nicht. Ich bin Pressesprecherin bei den Verkehrsbetrieben. Normalerweise verlautbare ich, was Unternehmenssicht ist. Aber an dieser Stelle spreche ich auch für mich. Auch ich will diese Unfälle nicht. Möchte, dass wir jederzeit Jede und Jeden gut und wohlbehalten nach Hause bringen. Das funktioniert aber nur, wenn alle Verantwortung übernehmen. Füreinander und jeder für sich selbst.

Kommen Sie gut an!

 

 

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12 Kommentare

  • Ulrich Hinz

    Hallo,
    ich frage mich schon lange, warum bei den KVB nicht Langzüge beschafft werden? In viele Städten gibt es solche Bahnen schon, sogar in Düsseldorf.

    • Hallo Herr Hinz,
      Langzüge sind bereits im Gespräch. Allerdings muss die Infrastruktur angepasst werden (Haltestellen zu kurz). Das geht nicht von heute auf morgen!
      VG Carola

      • Roland

        Es geht (ausnahmsweise) hier nicht um längere Züge, sondern darum, dass man statt eines Doppelzuges mit 2mal ca. 30 Metern lieber einen durchgehenden Langzug von etwa 60 Metern bestellt, so dass man ohne Kupplungsbereich auskommt. Die Bahnsteiglänge ändert sich dadurch nicht.

        Allerdings muss die Infrakstruktur der Werkstätten angepasst werden, da z.B. Arbeitsgruben, Unterflurdrehbänke, Dachbegehungsgerüste, etc. nur auf Kurzzüge ausgelegt sind.

  • Jürgen Schiffelers, Elektrotechnikermeister.

    Ich finde, dass die KVB keinen 100%-igen Schutz liefern kann. Da ich im Bereich der Automatisierungstechnik tätig bin weiß ich genau, wie man alles umgehen kann. Was die Kupplungen zwischen den Zügen anbelangt. Jeder normale Mensch weiß um das Verbot zwischen den Zügen über die Kupplungen zu steigen. Was die Übergänge, siehe auch Chlodwigplatz anbelangt, hat die KVB alles gemacht. Was kann ein Zugführer dafür, dass ein Fußgänger mit Stöpsel im Ohr den nahenden KVB-Zug nicht hört? Nichts! Was die KVB zur Zeit leistet ist enorm im Gegensatz zu früher. Der ÖPNV muss zwingend ausgebaut werden. KVB ist dabei in meinen Augen auf einem guten Weg. Das Beste ist, dass es noch viel mehr Möglichkeiten gibt. Das ist aber ein Ausblick in die Zukunft.

  • Rüdiger Krause

    Vielen Dank für diesen guten Blogbeitrag. Natürlich ist jeder Unfall einer zu viel. Natürlich muss geprüft werden, ob und wo man die Sicherheit erhöhen kann. Aber es wird niemals eine absolute Sicherheit geben. Es wird immer Menschen geben, die Regeln missachten und Sicherheitseinrichtungen umgehen. Täglich sehe ich Menschen bei geschlossenen Schranken noch die Schienen überqueren – teilweise sogar mit Kinderwagen oder Rollator. Wie kann man nur so verantwortungslos sein. Kein Mensch kann den Kampf gegen 60 000 bis 80 000 kg Stahl und Aluminium gewinnen. Da helfen auch Plastikschürzen an der Front nicht mehr.

    Daher kann man nur an jeden Einzelnen appellieren, den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Jeder Einzelne trägt Verantwortung für sich selber!

    • Roland

      Ganz genau. Während im Artikel die Rede ist von einem „einzigen Moment der Unachtsamkeit, des spontanen Leichtsinns, einer verhängnisvollen Fehleinschätzung“, geht diesem „einzigen Moment“ monate- und jahrelanges Antrainieren solchen Fehlverhaltens voraus. Denn beim ersten Mal, wo jemand über Rot geht und/oder vorbei an Schranken (oder verboten links abbiegt, etc.), tut er dies mit höchster Aufmerksamkeit. Mit der Zeit wird es aber Gewohnheit, und irgendwann kracht’s.

      Und wenn es mit 20, 40 oder 60 noch gut geklappt hat, durch den Schotter abzukürzen, hat man sich so gründlich auf dieses Verhalten konditioniert, dass man auch mit 80 am Rollator vor den Zug tippelt. Traurig, aber beinahe täglich zu beobachten.

  • Christian von der Kohlen

    Ich fände die Kopplung von Infrarot-mit Videotechnik für den Bereich zwischen den Waggons erwägenswert, konkret könnte ich mir bspw. die dauerhafte, automatisierte Überwachung per Infrarot vorstellen und erst sobald eine Wärmequelle im Gefahrenbereich detektiert wird, erfolgt die Aufschaltung von Videoaufnahmen in die Fahrerkabine, mittels derer überprüft werden kann, ob sich ein Mensch in Gefahr befindet oder sich lediglich ein Vogel für eine Pause auf einem der „Blumenkästen“ niedergelassen hat. Auf diese Weise müssten die Fahrer auch nicht permanent einem weiteren Bereich ihre Aufmerksamkeit schenken mit der entsprechenden Ablenkungsgefahr, sondern nur bei einer „Alarmmeldung.“ Das System könnte auch dahingehend erweitert werden, dass ein Anfahren zunächst nicht möglich ist bei einem Infrarotereignis zwischen den Wagen und einer Fahrerreaktion bedürfte, etc. – müsste man mal im Betriebsalltag testen…

  • Heike Voigt

    Setzt natürlich auch voraus, dass der Fahrer/die Fahrerin aufmerksam ist und sich nicht während der Fahrt mit dem Smartphone beschäftigt. Schon des Öfteren gesehen, so z. B. auch Fahrer hatte die Beine auf dem Bedienpult und schenkte seine Aufmerksamkeit dem Handy. Leider war mein Akku leer, so dass ich das nicht festhalten konnte.

  • Thomas B.

    Ich sehe es ähnlich wie die Autorin und die meisten Kommentatoren. Klar ist es erstrebenswert den öffentlichen Raum sicherer zu gestallten, Unfallquellen möglichst zu vermeiden. Aus persönlicher Erfahrung halte ich es jedoch für einen Fehler die Menschen immer mehr „in Watte zu packen“. Denn wenn sich alle darauf verlassen das ihnen nichts geschehen kann, passt niemand mehr auf sich selbst auf. Die Sicherheitskampagnen sind genau der richtige Weg um die Leute an ihre eigene Verantwortung (und Vorbildfunktion!) zu erinnern. Das muss schon in der Schule losgehen: nicht mit dem Smartphone in der Hand rumlaufen, nicht mit Kopfhörern am Straßenverkehr teilnehmen, etc, etc… Wenn natürlich den Kids solches Fehlverhalten schon von den Erwachsenen vorgelebt wird, wird es echt schwer. Und gerade bei Erwachsenen denke ich, wenn Aufklärung alleine nicht hilft, dann wohl nur empfindliche (Geld)Strafen.

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