Autofasten für die Verkehrswende

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Es ist Halbzeit. Vom 6. März bis zum 20. April dieses Jahres ist Fastenzeit. Zeit, um einmal zu bedenken, ob diese auch eine Bedeutung für unsere Mobilität haben kann. Schnell stoße ich auf die Aktion “Autofasten“ der großen christlichen Kirchen und verschiedener Verkehrsunternehmen vor allem im Südwesten Deutschlands. Lassen sich individuelles Mobilitätsverhalten und Verkehrswende zusammenbringen? Kann Autofasten der Anfang einer “Verkehrswende von unten“ sein?

„Ziel der Aktion Autofasten, die zum 22. Mal stattfindet, ist es, das eigene Auto so oft wie möglich stehen zu lassen und Alternativen auszuprobieren, zum Beispiel mit dem Bus, der Bahn, dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs zu sein oder ein Auto mit vielen anderen zu teilen“, schreiben die Organisatoren auf der Website www.autofasten.de. „Wie lange und in welchem Umfang jeder mitmacht, entscheiden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst.“

Den Veranstaltern geht es um die kritische Hinterfragung der Menge, der Art und der Notwendigkeit der einzelnen Autofahrten. Sie verstehen es als einen Selbstversuch, „bei dem auch die Erkenntnis, dass der Verzicht auf das Auto doch immer wieder unmöglich ist, ein legitimes Resultat ist.“

Fasten auf neuen Wegen

Wer verbindet Fasten nicht mit „weniger essen“, „nicht mehr rauchen“, „kein Alkohol“. Das sind die Klassiker im Fasten-Alltag. Betrachtet man zum Beginn der Fastenzeit die zahlreichen Berichte in den Medien, dann lernt man ganz neue Fasteninhalte kennen: Abstinenz von Social Media, kein Fernsehen und auch kein Autofahren.

Schauen wir auf das Autofahren: Unsere Verkehrssituation ist zu häufig von Dauerstau, Verkehrslärm und individuellem Ärger bzw. Stress geprägt. Die Diskussion um mögliche Fahrverbote zeigt uns, dass auch schlechte Luft zu diesem üblen Bild gehört. Und all das sind Ergebnisse eines Massenphänomens. Die Summe der Verkehrsteilnehmer erzeugt das Übel. Dabei sind die Beweggründe und die Verhaltensalternativen der einzelnen Verkehrsteilnehmer individuell.

Individuell können einschränkende Regeln meist aber nicht sein. In der Sprache der Rechtswissenschaft haben Fahrverbote, Geschwindigkeitsbegrenzungen usw. “generell konkreten“ Charakter, sind Allgemeinverfügungen. Sie gelten z. B. für alle Dieselfahrzeuge unterhalb eines Abgasstandards und verbieten deren Fahrern, in einen definierten Bereich zu fahren. Dabei ist es gleichgültig, ob der Fahrer täglich fährt und nur eine kurze Wegstrecke bewältigen muss, oder ob er mit schweren Einkäufen einmal in der Woche über einige Kilometer fährt.

Für die Verkehrswende ist das Fasten deshalb sehr interessant. Diese „Hülle“, die vielen Menschen mit klassischen Inhalten bekannt ist, kann genutzt werden, um Verhalten und Verhaltensänderungen im individuellen Rahmen zu hinterfragen und Alternativen auszuprobieren. Greift dieses in größerem Umfang, wird das Auswirkung auf das Gesamtbild des Massenphänomens haben. Einschränkende Regeln sind dann vielleicht nicht in jedem Fall notwendig.

KVB-Rad an der Universität zu Köln

Etwas Neues auszuprobieren, entspricht dem Wesen vieler Menschen. Beim Fasten bedeutet das nicht nur Verzicht, © Foto: KVB/Christoph Seelbach

Ein erster Schritt

Fasten ist nicht nur ein alter religiöser Brauch, der von den Menschen ohne Reflexion einfach fortgeführt wird. Viele Menschen fasten bewusst und sind hierzu motiviert, weil sie mit ihrem Verhalten irgendwo nicht einverstanden sind, es hinterfragen. Oder sie wollen ihr Verhalten ändern, sind sich aber der Alternative noch nicht sicher.

Fasten ist meist eine sehr persönliche Sache, was dafür spricht, dass es nicht in zu strenge Regeln gefasst werden sollte. Auch eignen sich feste Organisationsrahmen mit Registrierung und Dokumentation eher weniger. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die Aktion “Autofasten“ der Kirchen und Verkehrsunternehmen in den ersten Jahren von 1998 bis 2012 laut Studie des ISPO-Institutes aus Saarbrücken die 2.000er Teilnehmermarke nicht überschritten hat. Steigerungsraten und Motivationsmöglichkeit sind dennoch da, was dafür spricht, diese offizielle Form anzubieten.

Wer in seinem persönlichen Umfeld nach Fastenaktivitäten und -formen fragt, wird viele unterschiedliche Antworten bekommen: Von „Ich versuche das mal“ bis „Ich mache das immer“. Manche beziehen Fasten auf ein “Laster“, anderen haben eine Reihe von Punkten. Hin und wieder messen sich die Menschen am vollen Erfolg – 40 Tage zu 100 Prozent –, andere sehen das flexibel, ohne beliebig heranzugehen.

Meist machen die Menschen das Fasten mit sich aus und wollen gar nicht so genau über ihre Gewohnheiten berichten. Häufig hört man, dass Fasten am Anfang einer gewollten Veränderung steht, als erster Schritt verstanden wird. Sie wollen sich selbst daran messen, aber nicht öffentlich festlegen.

Umweltverbund

Alternativen der KVB im Umweltverbund, © Foto: KVB/Stephan Anemüller

Ein paar Vorteile

Fasten selbst dient vielen Menschen als eine Art Innehalten. Es dient dazu, das eigene Verhalten zu reflektieren, sich über Zusammenhänge bewusst zu werden und Alternativen auszuprobieren. Fasten kann dazu beitragen, Verhalten zu verändern und damit neue Alltagsgewohnheiten zu etablieren.

Verzicht alleine ist meist nicht das Ziel des Fastens. Der Verzicht auf Fleisch in der Fastenzeit bedeutet ja nicht, nur Beilagen auf dem Teller zu lassen. Vielmehr kann dieses Ausprobieren vegetarische Gerichte schmackhaft machen. Der Verzicht auf das Auto bedeutet auch nicht, einfach zu Hause zu bleiben. Er kann und sollte zum Test anderer Mobilitätsformen führen: Das Rad frühjahrtauglich zu machen und abseits der Hauptverkehrsstraßen zur Arbeit zu fahren, nach der Kulturveranstaltung im Abendlicht zu Fuß nach Hause zu gehen oder den Bus bzw. die Bahn für den Weg zum Einkauf zu nehmen.

Dabei lässt sich die Umwelt ganz anders wahrnehmen. Wer am Steuer sitzt ist zu häufig an den Tunnelblick im Verkehrschaos gebunden. Auch gibt der Verzicht auf’s Lenkrad Zeit zur Kommunikation mit den Mitmenschen, anstatt im “Stop and Go“ zu fluchen. Viele schätzen es, in den öffentlichen Verkehrsmitteln mal wieder in Ruhe die Zeitung bzw. ein Buch lesen zu können oder sich Musik “in die Ohren zu legen“.

Nicht zu unterschätzen ist die niederschwellige, aber immer wieder stattfindende körperliche Bewegung – zu Fuß und auf dem Rad so und so, aber auch als Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel auf den Wegen zur und von der Haltestelle. Ist uns bewusst, dass wir alle jeden Tag mindestens 10.000 Schritte gehen sollten, um unseren Körper fit zu halten? Wissen wir von uns, wieviele Schritte wir tatsächlich gehen?

Informationen zum Autofasten

Informationen mit Anregungen und Ansprechpartnern finden sich u. a. im Internet, © Foto: KVB/Stephan Anemüller

Vielleicht ein neues Lebensgefühl …

Der Versuch, auf das Auto zu verzichten, kann erfolgreich sein. Am Ende wird der einzelne Autofahrer für sich entscheiden müssen, wie häufig und für welche Wege er das Auto noch nutzt, oder ob er sogar ganz darauf verzichtet. Auch wenn es am Anfang vielleicht etwas schwierig ist – das gehört häufig zum Fasten dazu –, können die Vorteile als Gewinn verstanden werden. Bereits die Situation, sich Gedanken um die persönliche Mobilität gemacht zu haben und sich der Folgewirkungen bewusst zu sein, ist ein Gewinn.

Wer dann auf sein Auto ganz verzichten oder den Zweitwagen abschaffen kann, gewinnt auch finanziell. Denn: Gerade die fixen Kosten eines Autos – Versicherungs-, Instandhaltungs-, Stellplatzkosten etc. –, sind vielen Menschen nicht bewusst. Mit dem hierfür nicht ausgegebenen Geld kann manches Vergnügen finanziert werden oder es entlastet einfach die knappe Haushaltskasse. Das Lebensgefühl steigt, ganz sicher.

… und ein Beitrag zur Verkehrswende

Für die Verkehrswende, die dem Klimaschutz und der Luftreinhaltung und somit vor allem den Menschen dienen soll, ist das Verhalten des Einzelnen ein Mosaiksteinchen. Doch das Gesamtkunstwerk der Verkehrswende gibt es nur als Mosaik. So wie die automobile Entwicklung auch als Mosaik aus dem Verhalten der einzelnen Verkehrsteilnehmern entstanden ist.

Der Versuch ist es wert.

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5 Kommentare

  • B. Wolter

    Autofahren ist eine gute Idee! Die Preise der KVB verderben aber schnell alle guten Vorsätze.

  • Rüdiger Krause

    Die Idee mit dem Autofasten ist ja nicht schlecht. Aber dazu gehört dann auch ein funktionierender ÖPNV. Da kommen bei mir so langsam – was Köln betrifft – Zweifel auf.

    Regelmäßig fallen Züge aus. Besonders schlimm scheint es auch auf der Linie 1 am späten Nachmittag und frühen Abend zu sein. Dann sollte diese Linie im 5-Minuten-Takt fahren. Oftmals scheinen aber hier Züge auszufallen. Zumindest ist mir in den letzten Wochen immer wieder aufgefallen, dass am Neumarkt laut Fahrgastinformationsanzeiger nur alle 10 Minuten ein Zug nach Bensberg erschien. Züge nach Brück gab es fast nie.

    Ein anderes sehr nervendes Beispiel: Auf der linksrheinischen Rampe der Mülheimer Brücke zuckelt die Linie 18 im Schritttempo über die Weiche. Was ist der Grund und wann geht es wieder zügig voran.

    Im Ehrenfelder Tunnel zwischen Leyendecker Straße und Äußere Kanalstraße ist seit Monaten das reguläre Gleis nicht befahrbar. Die Bahnen müssen auf ein Wendegleis ausweichen und einen Stopp einlegen. Warum? Wann wird dies behoben?

    Solche Einschränkungen wirken eher abschreckend, sodass Autofahrer wohl kaum bereit sind, ihr Fahrzeug stehen zu lassen und Bus und Bahn zu nutzen. Ganz abgesehen davon, dass der ÖPNV leider überlastet ist, weil man jahrelang die Kapazitäten nicht vergrößert hat.

    • Hallo Rüdiger Krause,
      der Grund für das „Zuckeln“ ist eine Langsamfahrstelle, die aufgrund eines schlechten Gleis-/ Weichenzustandes eingerichtet wurde. Diese wird voraussichtlich bis April 2020 bestehen.
      VG Carola

      • Rüdiger Krause

        Hallo Carola,

        warum dauert es noch ein ganzes Jahr? Wenn es nur der Zustand des Gleises und der Weiche ist, sollte dies doch schneller behebbar sein.

        Viele Grüße
        Rüdiger Krause

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