Die Finchen-Flüsterer
Der Verein „Historische Straßenbahn Köln“ kümmert sich um den Erhalt alter Schienenfahrzeuge – vom ersten Pferdewagen bis zum robusten Achtachser. Die Mitglieder betreiben auch das Straßenbahn Museum Thielenbruch auf ehrenamtlicher Basis.
Ein Besuch.
Wie zwei Fühler reckt das „Finchen“ seine beiden rot-weißen Dachfähnchen der Sonne entgegen.
Die historische Vorortbahn, Baujahr 1911, steht sauber poliert vor dem Straßenbahn Museum in Thielenbruch und wirkt wie eine stolze Schnecke, die sich aus ihrem Haus gewagt hat, um die Welt zu entdecken. Es ist Samstagmorgen, für Besucher hat das Museum geschlossen, dennoch herrscht emsige Betriebsamkeit. Für das Team des Vereins „Historische Straßenbahn Köln“ ist der Samstag ein Arbeitstag. Es wird gewerkelt, geredet, gefahren. Alles für Kölns historisches Stadtbahnerbe.
Die Nikolausfahrten im Advent waren in kurzer Zeit ausgebucht. Das Interesse an den alten Fahrzeugen ist groß.
Neben der Ausstellungshalle liegt die alte Werkstatt. An den Wänden hängen historische Bahnfotos, in einer Ecke stehen Stangen mit Haltewunsch-Tasten aus alten Stadtbahnen, eine reglose Uhr an der Wand zeigt zwölf Uhr. Hier ist die Zeit stehengeblieben. In Schubladen liegen Schilder, wie man sie früher aus Bahnen kannte. „Bei Verlassen Fenster und Türen schließen“, „Notbeleuchtung“ und „Papierabfälle“ ist dort zu lesen. Nüchtern formulierte Verhaltensregeln und Aufforderungen aus Zeiten, in denen noch Schaffner mitfuhren und Fahrscheine verkauften.
Er ist das jüngste Vorstandsmitglied des Vereins. Als 16-Jähriger entschloss er sich zum Vereinseintritt, weil er bei der Jugendfeuerwehr kurz vor Erreichen der Altersgrenze stand. „Mich hatte eigentlich ein Oldtimerverein interessiert, aber ohne Führerschein und ohne eigenes Auto wäre das schwierig gewesen“, erzählt er amüsiert.
Immer mehr junge Vereinsmitglieder
„Das sind zum Glück nur Klischees, der Verein hat sich in den vergangenen Jahren stark verjüngt“, stellt Schell fest.
Er selbst hat den Internetauftritt in die Neuzeit überführt und kümmert sich zudem um die Finanzen und die wirtschaftlichen Aktivitäten des Vereins.
Etwa 150 Mitglieder hat der Verein, die „Werkstattgruppe“ kümmert sich Samstag für Samstag um den Erhalt der alten Bahnen, es gibt eine „Archivgruppe“, eine „Modellbahngruppe“, andere Mitglieder erklären bei den monatlichen Öffnungstagen die Fahrzeuge und beantworten geduldig die Fragen der Besucherinnen und Besucher. Etwa 800 kommen jeden zweiten Sonntag eines Monats. In der denkmalgeschützten Wagenhalle, erbaut im Jahr 1926, stehen 25 historische Straßenbahnen – vom restaurierten Pferdewagen aus dem Jahr 1894 über die erste „Elektrische“ (1902), den Rundbahnwagen (1939) bis hin zum geräumigen Achtachser, dessen Fahrzeugserie noch bis 2006 im Einsatz war. Nostalgie auf Schienen.
Auch eine Modellbahn fährt
Ausgestellt wird im Museum auch eine Modelleisenbahn. Hier fahren Straßenbahnen statt Eisenbahnen.
Wenn jemand beste Voraussetzungen hatte, eine Vorliebe für Eisenbahnen zu entwickeln, dann wohl Thomas Lennartz (48). Die Weichen waren sozusagen schon vor seiner Geburt gestellt. „Mein Opa hat damals gesagt: Wenn es ein Junge wird, gibt es eine Modelleisenbahn“, erzählt Lennartz. Doch Lennartz, ebenfalls Vorstandsmitglied, modellierte später keine pittoresken Berglandschaften, bei denen sich kleine Güterzüge die Steigung hochquälen und kurz in Tunneln verschwinden. Bei ihm fahren Straßenbahnen im Kreis. Die Anlage gehört inzwischen zur Ausstellung im Kölner Straßenbahnmuseum und steht – wie könnte es anders sein – in einer alten Sechsachser, Baujahr 1960.Das Hobby der Vereinsmitglieder wirkt wie eine romantische Reminiszenz an das vordigitale Zeitalter. Ihr Wissen über die Funktionsweise der historischen Bahnen haben sie sich mit der Zeit angeeignet und weitergegeben. „Zum Glück ist die alte Technik deutlich einfacher zu verstehen und zu reparieren. Ähnlich wie bei Oldtimern“, sagt Lennartz. Gerade restaurieren sie unter anderem den Innenraum einer alten Güterlok, die ebenfalls im Museum steht.
Ersatzteile werden eigens angefertigt
Bei jeder Instandhaltung ist Geduld genauso wichtig wie das richtige Material. Denn Ersatzteile für die alten Bahnen lassen sich nicht im Online-Shop bestellen, sondern müssen eigens angefertigt oder aufwendig aufgearbeitet werden. Während sich der Verein um die Restaurationen bemüht, sorgt die KVB für die Hauptuntersuchungen. „Wir werden von der KVB bestmöglich unterstützt, ansonsten könnten wir die Bahnen nicht erhalten“, weiß Thomas Lennartz. Früher hat sich die KVB um die alten Fahrzeuge gekümmert, seit 1991 kümmert sich der Verein um die Fahrzeuge, seit 1997 zudem um das damals neu eröffnete Museum. Und alles auf ehrenamtlicher Basis.
„Ich habe natürlich gefragt, warum die Bahn nicht auf Schienen fahren kann und erfahren, dass die erste ‚Elektrische‘ für die modernen Weichen auf zu schmalen Rädern fährt“, erinnert er sich. Sein Interesse war geweckt.
Auf Einladung des Vereins durfte er damals mit einer anderen historischen Bahn aus Thielenbruch zum Neumarkt fahren. So lernte er die Menschen des Vereins kennen. Noch im gleichen Jahr wurde er Mitglied. „Die Faszination war von Anfang an da“, bekennt er.
Schulung zu Zugbegleitern
Früher rekrutierte sich der Verein vor allem aus den Mitarbeitenden der KVB, doch das ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Bei Max Schell verlief der Weg sogar umgekehrt. Durch die Mitarbeit im Verein hat er sein Interesse an historischen Bahnen entdeckt und sich für eine Ausbildung bei der KVB entschieden. Als Industriemechaniker. Sein Berufswunsch: Spezialfahrzeugführer, beispielsweise für die Baulok der KVB. „Aber auch ohne diese Leidenschaft ist im Verein für jeden was dabei. Manche Mitglieder kümmern sich um das Außengelände und mähen den Rasen“, erzählt er. Die Aufgaben seien weitaus vielfältiger und umfangreicher als es auf den ersten Blick scheint.
Als es längst Nachmittag geworden ist, darf das „Finchen“ nach seinem ausgiebigen Sonnenbad zurück ins Museum. Das große Haupttor schließt sich.
Bis zum nächsten Samstag.
Fotos: Christoph Seelbach, Thorsten Moeck
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