Die Finchen-Flüsterer

 
Der Verein „Historische Straßenbahn Köln“ kümmert sich um den Erhalt alter Schienenfahrzeuge – vom ersten Pferdewagen bis zum robusten Achtachser. Die Mitglieder betreiben auch das Straßenbahn Museum Thielenbruch auf ehrenamtlicher Basis.

Ein Besuch.

Wie zwei Fühler reckt das „Finchen“ seine beiden rot-weißen Dachfähnchen der Sonne entgegen.

Die historische Vorortbahn, Baujahr 1911, steht sauber poliert vor dem Straßenbahn Museum in Thielenbruch und wirkt wie eine stolze Schnecke, die sich aus ihrem Haus gewagt hat, um die Welt zu entdecken. Es ist Samstagmorgen, für Besucher hat das Museum geschlossen, dennoch herrscht emsige Betriebsamkeit. Für das Team des Vereins „Historische Straßenbahn Köln“ ist der Samstag ein Arbeitstag. Es wird gewerkelt, geredet, gefahren. Alles für Kölns historisches Stadtbahnerbe.

Vorbesprechung der Vereinsmitglieder vor der Museumsöffnung

Für die Sonderfahrten der historischen Bahnen
lassen sich die Mitglieder zu Zugbegleitern schulen.

Funkgeräte piepsen, etwa ein Dutzend Menschen haben sich in der Museumshalle um Andreas Engels versammelt, er ist eines von fünf Vorstandsmitgliedern des Vereins. „Wo ist die Sprechwunschtaste? Wie nehmt ihr Kontakt zur Leitstelle auf“, fragt Engels in die Runde. Dann doziert er von Koppelspulen, Einzelweichensteuerung und Zuglenknummern. Das alles gehört zur Zugbegleiter-Schulung, die hin und wieder absolviert werden muss. Denn der Verein bietet regelmäßig Fahrten mit den historischen Bahnen an.

Die Nikolausfahrten im Advent waren in kurzer Zeit ausgebucht. Das Interesse an den alten Fahrzeugen ist groß.
 

Gelagerte Schilder

Zum Fundus der Museums-Werkstatt gehören viele alte Schilder.

Bahngeschichte in Schubladen

Neben der Ausstellungshalle liegt die alte Werkstatt. An den Wänden hängen historische Bahnfotos, in einer Ecke stehen Stangen mit Haltewunsch-Tasten aus alten Stadtbahnen, eine reglose Uhr an der Wand zeigt zwölf Uhr. Hier ist die Zeit stehengeblieben. In Schubladen liegen Schilder, wie man sie früher aus Bahnen kannte. „Bei Verlassen Fenster und Türen schließen“, „Notbeleuchtung“ und „Papierabfälle“ ist dort zu lesen. Nüchtern formulierte Verhaltensregeln und Aufforderungen aus Zeiten, in denen noch Schaffner mitfuhren und Fahrscheine verkauften.
 

Max´s Eisatz am Winkeschleifer

Vorstandsmitglied Max Schell schleift eine Abdeckung ab.

An einer Werkbank steht Max Schell (23) und bearbeitet die Abdeckung eines Türdrückers mit einem Winkelschleifer.

Er ist das jüngste Vorstandsmitglied des Vereins. Als 16-Jähriger entschloss er sich zum Vereinseintritt, weil er bei der Jugendfeuerwehr kurz vor Erreichen der Altersgrenze stand. „Mich hatte eigentlich ein Oldtimerverein interessiert, aber ohne Führerschein und ohne eigenes Auto wäre das schwierig gewesen“, erzählt er amüsiert.
 
Immer mehr junge Vereinsmitglieder
 

Historische Fahrzeuge vor dem Museum in Thielenbruch

Das Finchen (l.) und andere historische Straßenbahnen
vor dem Museum in Thielenbruch.

So wurden es dann die Straßenbahnfreunde, wohl auch, weil er schnell feststellen durfte, dass er sich als Jugendlicher im discofähigen Alter nicht plötzlich inmitten schrulliger Straßenbahn-Nerds befand, die gedanklich ausschließlich in Zeiten schwelgen, als das „Finchen“ noch nach Benzelrath fuhr.

„Das sind zum Glück nur Klischees, der Verein hat sich in den vergangenen Jahren stark verjüngt“, stellt Schell fest.
Er selbst hat den Internetauftritt in die Neuzeit überführt und kümmert sich zudem um die Finanzen und die wirtschaftlichen Aktivitäten des Vereins.

Etwa 150 Mitglieder hat der Verein, die „Werkstattgruppe“ kümmert sich Samstag für Samstag um den Erhalt der alten Bahnen, es gibt eine „Archivgruppe“, eine „Modellbahngruppe“, andere Mitglieder erklären bei den monatlichen Öffnungstagen die Fahrzeuge und beantworten geduldig die Fragen der Besucherinnen und Besucher. Etwa 800 kommen jeden zweiten Sonntag eines Monats. In der denkmalgeschützten Wagenhalle, erbaut im Jahr 1926, stehen 25 historische Straßenbahnen – vom restaurierten Pferdewagen aus dem Jahr 1894 über die erste „Elektrische“ (1902), den Rundbahnwagen (1939) bis hin zum geräumigen Achtachser, dessen Fahrzeugserie noch bis 2006 im Einsatz war. Nostalgie auf Schienen.

Auch eine Modellbahn fährt

Modellbahnstrecke - Ansicht der Länge nach
Modellhäuser in Nahaufnahme

Ausgestellt wird im Museum auch eine Modelleisenbahn. Hier fahren Straßenbahnen statt Eisenbahnen.

Historische Fahrzeuge vor dem Museum in Thielenbruch

Vorstandsmitglied Thomas Lennartz vor einem Achtachser, die einst durch Köln fuhren.

Wenn jemand beste Voraussetzungen hatte, eine Vorliebe für Eisenbahnen zu entwickeln, dann wohl Thomas Lennartz (48). Die Weichen waren sozusagen schon vor seiner Geburt gestellt. „Mein Opa hat damals gesagt: Wenn es ein Junge wird, gibt es eine Modelleisenbahn“, erzählt Lennartz. Doch Lennartz, ebenfalls Vorstandsmitglied, modellierte später keine pittoresken Berglandschaften, bei denen sich kleine Güterzüge die Steigung hochquälen und kurz in Tunneln verschwinden. Bei ihm fahren Straßenbahnen im Kreis. Die Anlage gehört inzwischen zur Ausstellung im Kölner Straßenbahnmuseum und steht – wie könnte es anders sein – in einer alten Sechsachser, Baujahr 1960.
Das Hobby der Vereinsmitglieder wirkt wie eine romantische Reminiszenz an das vordigitale Zeitalter. Ihr Wissen über die Funktionsweise der historischen Bahnen haben sie sich mit der Zeit angeeignet und weitergegeben. „Zum Glück ist die alte Technik deutlich einfacher zu verstehen und zu reparieren. Ähnlich wie bei Oldtimern“, sagt Lennartz. Gerade restaurieren sie unter anderem den Innenraum einer alten Güterlok, die ebenfalls im Museum steht.

Ersatzteile werden eigens angefertigt

Bei jeder Instandhaltung ist Geduld genauso wichtig wie das richtige Material. Denn Ersatzteile für die alten Bahnen lassen sich nicht im Online-Shop bestellen, sondern müssen eigens angefertigt oder aufwendig aufgearbeitet werden. Während sich der Verein um die Restaurationen bemüht, sorgt die KVB für die Hauptuntersuchungen. „Wir werden von der KVB bestmöglich unterstützt, ansonsten könnten wir die Bahnen nicht erhalten“, weiß Thomas Lennartz. Früher hat sich die KVB um die alten Fahrzeuge gekümmert, seit 1991 kümmert sich der Verein um die Fahrzeuge, seit 1997 zudem um das damals neu eröffnete Museum. Und alles auf ehrenamtlicher Basis.

Eine der ersten Elektrischen Stadtbahnen

Auch die erste „Elektrische“ wurde
restauriert und ist im Museum zu sehen.

Hauptberuflich ist Thomas Lennartz bei der Stadt Köln für die Organisation und Genehmigung von Schwertransporten verantwortlich. Anfang des Jahres 2012 landete bei ihm eine Anfrage der KVB, denn die erste „Elektrische“ Baujahr 1902, sollte zum 111-jährigen Jubiläum vom Museum zum Neumarkt transportiert werden.
„Ich habe natürlich gefragt, warum die Bahn nicht auf Schienen fahren kann und erfahren, dass die erste ‚Elektrische‘ für die modernen Weichen auf zu schmalen Rädern fährt“, erinnert er sich. Sein Interesse war geweckt.
 
Auf Einladung des Vereins durfte er damals mit einer anderen historischen Bahn aus Thielenbruch zum Neumarkt fahren. So lernte er die Menschen des Vereins kennen. Noch im gleichen Jahr wurde er Mitglied. „Die Faszination war von Anfang an da“, bekennt er.
 
Schulung zu Zugbegleitern

Früher rekrutierte sich der Verein vor allem aus den Mitarbeitenden der KVB, doch das ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Bei Max Schell verlief der Weg sogar umgekehrt. Durch die Mitarbeit im Verein hat er sein Interesse an historischen Bahnen entdeckt und sich für eine Ausbildung bei der KVB entschieden. Als Industriemechaniker. Sein Berufswunsch: Spezialfahrzeugführer, beispielsweise für die Baulok der KVB. „Aber auch ohne diese Leidenschaft ist im Verein für jeden was dabei. Manche Mitglieder kümmern sich um das Außengelände und mähen den Rasen“, erzählt er. Die Aufgaben seien weitaus vielfältiger und umfangreicher als es auf den ersten Blick scheint.

Umstellung

Vorstandsmitglied Andreas Engels
demonstriert das Stellen einer Weiche.

Während die Sonnenstrahlen durch das Glasdach des denkmalgeschützten Museums scheinen und die Bahnen in weiches Licht tauchen, ist Andreas Engels bei der Zugbegleiter-Schulung vor dem Museum angekommen. Signalkunde hat die Gruppe absolviert, nun steht Weichenkunde an. „Die Weiche empfängt die Zuglenknummer und sollte sich automatisch in die richtige Position legen“, sagt Engels. Weil das nicht immer funktioniert, steckt er ein Stelleisen zwischen die Gleise und demonstriert, wie sich eine Weiche händisch verstellen lässt.

Als es längst Nachmittag geworden ist, darf das „Finchen“ nach seinem ausgiebigen Sonnenbad zurück ins Museum. Das große Haupttor schließt sich.
Bis zum nächsten Samstag.

www.hsk.koeln

Fotos: Christoph Seelbach, Thorsten Moeck
 

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